Blick auf Anna Maria Jokls „Die Perlmutterfarbe“

Anna Maria Jokls „Die Perlmutterfarbe“ ist, wie der Klappentext verrät, ein Kinderroman, besser: ein Kinderkrimi für fast alle Leute. Nach der Lektüre kommt einem das vor wie das reinste Understatement. „Die Perlmutterfarbe“ ist einfach geschrieben und dennoch beeindruckend tief. Der Roman handelt von Gemeinschaft, Freunden und wie man sich entscheiden kann, das Richtige zu tun.

Die Hauptperson Alexander ist dabei gleich in zweifacher Hinsicht gefordert: Er muss sich in einer durch ihn verschuldeten wie auch in „Blick auf Anna Maria Jokls „Die Perlmutterfarbe““ weiterlesen

Verschütteter Wein

Seine Augenlider formten eine tiefe Furche in der Mitte der Stirn und er hatte die Zähne so fest aufeinander gebissen, dass sein Kiefer schmerzte. Seine Worte waren kaum mehr als ein Fauchen aus seiner gereizten Kehle. Mit einer schwingenden Handbewegung setzte er voll Zorn zu einem neuen Satz an und fegte dabei über den Tisch. Ihr Weinglas schlug mit einem Klirren auf den Fliesen auf und der Rotwein tauchte den Boden in eine Blutlache. „Pass doch auf“, zischte Sie ihn an, „jetzt hast du es zerbrochen!“ Er blickte dem Glas hinterher und versuchte herauszufinden, was gerade passiert war. Die Ereignisse der letzten Stunden rasten in seinem Kopf und erzeugten ein Hintergrundrauschen, das ihn keinen klaren Gedanken mehr fassen ließ. Er ging auf den Boden und versuchte, die Scherben aufzulesen. Aussichtslos. Schnitte in den Händen, Blut mischt sich mit Rotwein. Jede Bewegung, jeder Versuch noch etwas zu retten, würde die Lage nur verschlimmern. Die Fliesen rot gefärbt, der Teppich in Blut und Wein getaucht. Er hastete über den Fußboden, aber er verrieb alles nur, er vergrößerte den Fleck und jeder Ansatz, die Scherben wegzuräumen, bescherten ihm neue Schnitte. „Verschütteter Wein“ weiterlesen

Hier finden Sie meine Essays zu verschiedensten Themen. Sie finden hier Rezensionen, Aufsätze und festgehaltene Gedanken. Sie sind manchmal emotional und manchmal kritisch – und sie sind subjektiv, so wie letzten Endes jeder Text. Aber eins müssen sie dabei immer sein: sachlich und nachvollziehbar.

Auf diesen Seiten werden Sie nach und nach einige meiner Kurzgeschichten finden. Sie sind etwas ganz anderes als Werbetexte oder auch Essays und repräsentieren eine wichtige Seite des Schreibens, bei der es darauf ankommt, ganz bestimmte Emotionen zu wecken. Sprache und Grammatik müssen dazu gegebenfalls auch mal gebogen und gedrückt werden. Das macht die Arbeit an den Geschichten so besonders. Inhaltlich geht es in meinen Geschichten meistens um zwischenmenschliche Beziehungen, Emotionen und ihre Bedeutung für die handelnden Personen.

Speicherstadtmärchen

Sie blickte über das geschmiedete Geländer auf die alten, roten Backsteinmauern der Speicherstadt.  Obwohl es mitten im Sommer war, hatten sich dichte Wolken über der Fleet zusammengezogen und  es wurde spürbar kälter. Sie fröstelte und schob ihr Tuch über die unbedeckte Schulter. Sie wollte jeden Moment ihrer Gemeinsamkeit einatmen wie die kühle Abendluft und ihn dann tief in ihrem Innern verbergen.

Er hatte viele dieser verborgenen Momente in den letzten Monaten gesammelt und jeder war ihm kostbar wie ein Schatz. Wie so oft im letzten halben Jahr  versuchte er sich an ihre erste Begegnung zu erinnern. Er war sich selbst nicht sicher, ob er sich wirklich erinnerte oder sein Gehirn ihm ein Bild davon vorsetzte wie es gewesen sein müsste. Aber er wusste noch genau, wie er ihr das erste Mal in die Augen geschaut hatte. Diese Augen. Er hatte etwas darin gesehen, das ihn nicht wieder loslassen sollte. Bei jeder Begegnung hatte er tief hinein geschaut und versucht, ihr Geheimnis zu ergründen. Wie geht das? Und: Warum konnten die anderen nicht sehen was er sah? Ganz objektiv betrachtet waren sie mittelbraun und ein bisschen rund. Wenn sie lachte, zog sie die Augenbrauen in der Mitte zusammen. Das sah dann auch immer ein wenig so aus, als sei sie besorgt. Beim Gedanken an ihr Lachen machte sein Herz einen Sprung und er schmunzelte in sich hinein. Es war schön, hier zu sein.

Sie blickte auf seine Stirn und sah, wie er sie erst kraus zog und dann in Falten legte. Worüber denkt er so angestrengt nach? Über seiner Nase bildete sich eine tiefe Grube und sein Blick wurde ernst. Doch dann verriet ihn ein schelmisches Blitzen in den Augen. So schaut er immer, wenn er sich für etwas begeistert, dachte sie und erinnerte sich an ihre vielen langen Gespräche. Wenn sie sprachen schwang immer ein tiefes Verstehen mit, als seien sie vor vielen Jahren einmal aus dem gleichen Nest gefallen. Vielleicht lag es daran dass sie, egal wie lange sie zusammen gewesen waren, es doch immer noch etwas gab, das bei dieser Begegnung ungesagt blieb, dass unausgesprochene Gedanken zurückblieben; so vieles, über das sie noch gerne mit ihm gelacht hätte wenn sie später, allein, an ihn dachte. Werden uns eigentlich jemals die Themen ausgehen? hatte Sie ihn an einem dieser Abende gefragt und er hatte nur gelacht. Er hatte nur die leise stichelnde Angst darüber weglachen wollen, dass das wirklich irgendwann passieren konnte. Oder dass das Leben sie wieder auseinander riss. „Die Realität“ hatte sie das immer genannt. „Die Realität reicht mir aber nicht“, hatte er dann zu ihr gesagt.

Sie senkte den Blick auf ihre Hände und folgte den unzähligen Linien der kleinen Fältchen bis zu der Stelle, an der das Nagelbett mit einem kleinen weißen Halbmond beginnt um dann in die halbrund gefeilten Spitzen der Fingernägel überzugehen. Sie kratzte mit dem Daumen am Nagel ihres Zeigefingers. Sie lächelte innerlich bei dem Gedanken daran, wie sie ihn manchmal damit gekratzt und er sich dann künstlich angestellt hatte. Jetzt hier zu sein, diese Zeit gemeinsam zu verbringen, war richtig. Sie fühlte sich in diesem Moment nichts als glücklich und sie spürte, wie sich Worte formten und ihren Hals herauf krochen. Sie öffnete leicht die Lippen und wie so oft, wenn sie etwas trocken waren, trennte sich die Oberlippe erst nach und nach von der Unterlippe. Er kam ihr zuvor und legte seine Hände vorsichtig auf ihre. Er schaute ihr fest in die Augen:  „Ich weiß“, sagte er mit einer von der Abendluft leicht rauen Stimme, „ich auch“.

Gebrauchte Bücher

Ein Grund, für den man gebrauchte Bücher lieben kann sind die Geschichten, die sie manchmal erzählen. Diese können ganz trivial sein, etwa eine hin gekritzelte Telefonnummer auf dem Buchrücken oder auch ein Eselsohr als sorgfältig eingeknicktes Lesezeichen. Viel braucht es nicht, um die Phantasie anzuregen. Das interessante Große ist dann nämlich der Teil der Geschichte, den diese Zeichen menschlicher Handlung im Dunkeln lassen. Der unserer freien Interpretation all das überlässt, was nicht dort steht.

Buch mit Zeitungsausschnitt
(c) LebendeTexte

Jüngst kam mir ein Exemplar von Bernard Shaws „Katechismus des Umstürzlers“ „Gebrauchte Bücher“ weiterlesen