Vigdis Hjort: Ein norwegisches Haus

Ein Buch über das mehr oder weniger außergewöhnliche und doch Un-besondere im Leben

Der Roman „Ein norwegisches Haus“ der Schriftstellerin Vigdis Hjorth beschreibt sechs Jahre im Leben der Küstlerin Alma. Alma führt ein eigenbrötlerisches Leben, in dem sie sich so weit es ihr eben möglich ist, von ihrer Umwelt abkapselt. Dabei befindet sie sich in einem ständigen Spannungsfeld zwischen ihren Bedürfnissen und einer wenigstens minimalen Teilhabe an der Gesellschaft und der Menschen um sie herum.

Der Klappentext des Buches verspricht dem Leser einen Einblick in das Leben einer Künstlerin mit besonderen Gewohnheiten, die in der Abgeschiedenheit ihres Hauses ihre Neurosen pflegt. Das klingt auf den ersten Blick nach einem kuriosen und möglicherweise unterhaltsamen Einblick in den Alltag eines Sonderlings, der amüsante Verhaltensweisen an den Tag legt und damit die Leserschaft unterhält. Damit wird er dem Inhalt aber nicht ganz gerecht. Die Autorin führt den Leser ganz behutsam an den Charakter Almas heran und stellt ihm im Laufe der Geschichte eine Frau vor, die zwar nicht ganz durchschnittlich ist, aber letzten Endes jeden Tag mit den gleichen Gedanken und Problemen zu kämpfen hat wie der „Durchschnittsmensch“. Zentral ist dabei die Notwendigkeit des Lebensunterhaltes, den sie durch ihre Kunst und durch die Vermietung einer Einliegerwohnung in ihrem Haus bestreitet. Ein eigenes Haus zu besitzen hat für Alma, wie für vermutlich viele andere Menschen auch, eine sehr große Bedeutung. Es ist ihr Refugium, hier kann sie so Mensch sein, wie sie es sich vorstellt und in gewissem Rahmen ein selbstbestimmtes, das heißt nach ihren Wünschen gestaltetes Leben führen. Dieses Streben nach Autarkie erfährt Einschränkungen durch die Notwendigkeit, einen Teil des Hauses zu vermieten. Es ist also gleichzeitig Grundlage aber auch Bedingung ihrer Freiheit. Diese Gegensätze ziehen sich durch ihr ganzes Leben: Sie hat Kinder, aber ist froh, wenn sie sie von fern sieht. Sie ergibt sich dem weihnachtlichen Familienstress, versucht ihm jedes Jahr ihren Stempel durch Konsumverzicht und gedankenvolle und betont unchristliche, aber feierliche Atmosphäre aufzudrücken, scheitert, findet einen Kompromiss. Sie unterhält eine Beziehung zu einem nur „der Liebhaber“ genannten, namenlosen Lebensgefährten, der „normaler“ nicht sein könnte, aber ohne den sie auch nicht leben möchte oder kann. Denn so unabhängig Alma auch ist, das allen Menschen eigene Bedürfnis nach Liebe und körperlicher Nähe hat auch sie.

Die Autorin flicht in die Geschichte viele Anleihen an berühmte Vorbilder ein, nennt berühmte Schriftstellerinnen und stellt damit eine Verbindung zur Welt außerhalb des Romans her. Die Politikwissenschaftlerin, aber auch die großen Vorbilder der Literatin wie Jane Austen scheinen hier durch. Das schadet dem Buch nicht, es bereichert es vielmehr. Gleichzeitig zeigt sie damit ihren eigenen philosophisch-politischen Einschlag.

Im Laufe des Buches wir deines immer klarer: Auch Alma ist eben doch ein Mensch wie jeder andere. Vielleicht auf einem anderen Abschnitt der Skala zwischen „Verrückt“ und „Angepasst“ als die meisten, aber dennoch nicht so weit davon entfernt, wie man auf den ersten Blick meinen möchte. Als Leser kann man sich also durchaus mit ihr identifizieren, ihre Ängste und Sorgen an der ein- oder anderen Stelle und mal mehr, mal weniger nachvollziehen. Eine Geschichte bewegt und gefällt, wenn sich der Leser selbst in ihr wiederfinden kann. Alma ist ein außergewöhnlicher Mensch mit einem ungewöhnlichen Beruf und einem sehr eigenen Lebensstil in dem, das scheint sicher, sich dennoch viele Menschen, die ihr Leben ganz un-besonders und wenig außergewöhnlich finden, wiedererkennen können. Genau diese Verbindung zur Selbsterkenntnis macht das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis.