Blick auf Anna Maria Jokls „Die Perlmutterfarbe“

Anna Maria Jokls „Die Perlmutterfarbe“ ist, wie der Klappentext verrät, ein Kinderroman, besser: ein Kinderkrimi für fast alle Leute. Nach der Lektüre kommt einem das vor wie das reinste Understatement. „Die Perlmutterfarbe“ ist einfach geschrieben und dennoch beeindruckend tief. Der Roman handelt von Gemeinschaft, Freunden und wie man sich entscheiden kann, das Richtige zu tun.

Die Hauptperson Alexander ist dabei gleich in zweifacher Hinsicht gefordert: Er muss sich in einer durch ihn verschuldeten wie auch in einer im Grunde von ihm unverschuldeten Situation entscheiden und bringt somit die ganze Misere erst ins Rollen. Aus zunächst kleinen Ausflüchten, noch mit im Grunde guten Absichten begangen, entstehen ernste Konsequenzen: Verleumdung, Hetze und die Spaltung der ganzen Klasse sind das Ergebnis. Die Parteien sind auf der einen Seite die „Maulwurfs“, benannt nach dem bisher unbestrittenen Wortführer der Klasse, der seine Führungsposition mit Besonnenheit und Intelligenz auf ein stabiles Fundament gebaut hat sowie die Grubers, die sich später ELDSAS nennen und sich dem vorher unbeliebten Außenseiter Gruber angeschlossen haben, der es schafft, sich mit Lügen und Intrigen nach oben zu putschen. Maßgeblich für das Gelingen seiner Pläne ist, dass es ihm gelingt, mit Alexander den eigentlich besten Freund Maulwurfs auf seine Seite zu ziehen. Die Autorin zeichnet die Hauptpersonen dieses Krimis mit viel Liebe zum Detail und verknüpft die Entscheidungen der Protagonisten für die eine oder die andere Seite geschickt mit deren individuellen Lebensgeschichten. Sie sind maßgeblich für die Entscheidungen, die jeder einzelne trifft, zeigt aber auch, dass ein „gutes“ oder „schlechtes“ Schicksal nicht allein entscheidend ist, sondern was der einzelne daraus macht; so gelingt es Maulwurf nach dem Unfalltod seiner Eltern recht schnell im gemeinsamen Leben mit dem Onkel Sinn und Halt zu finden. Alexander lebt bei seiner alleinerziehenden Mutter, deren täglicher Überlebenskampf hart ist, was sie aber durch viel Mutterliebe und Fürsorge vor ihrem Sohn verbergen kann. Sein böser Gegenpart Gruber leidet keinen materiellen Mangel – aber verzweifelt an dem Mangel an Aufmerksamkeit und Zuwendung durch seinen Vater. Im Grunde wäre er gerne so wie Maulwurf. Er erkennt aber nicht, dass gerade die Charaktereigenschaft des Maulwurfs, aus einem bösen Geschick etwas Gutes zu tun genau das ist, was ihn davon abhält, glücklich zu sein. Er glaubt allerdings, es sei die fehlende Anerkennung der Klasse. Hier wird die Parallele zu seiner Situation daheim deutlich. Er versucht, diese Anerkennung zu bekommen, und weil er dabei vor keinem Mittel zurück schreckt, entfernt er sich innerlich nur umso mehr von seinem Vorbild.
Im Laufe des Romans lernt der Leser außerdem die Zwillinge Hugo und Heini kennen, die zeigen, wie unterschiedlich Kinder sein können, die im gleichen Elternhaus aufwachsen. Der rechtschaffene, aber geistig langsame Knockout verkörpert das Klischee der hart schuftenden Arbeiterklasse. Obwohl er am Anfang kurz schwankt, entscheidet er sich dank seines Bauchgefühls und nicht aus rationalen Gründen für die Seite der Wahrheit und Gerechtigkeit. Daneben gibt es viele weitere Charaktere, die unterschiedlich deutlich gezeichnet werden und die alle zumindest ein Stückchen dazu beitragen, wieder neue Perspektiven und Lebensgeschichten in die Geschichte einzuweben. Eine besondere Rolle spielen dabei die beiden Mädchen der Klasse, Lotte und Mausi. Die schlaue Lotte zeichnet sich vor allem am Anfang der Geschichte durch ihre geradezu weisen und vorausschauenden Schlussfolgerungen aus. Sie repräsentiert damit die Rolle des Lesers, des Außenstehenden, mit dem zusammen sie als einzige den Gesamtüberblick über die Geschehnisse hat und diese somit objektiv beurteilen kann. Leider fällt sie am Ende mehr und mehr zugunsten des künstlichen Finales der Handlung zurück. Die Entscheidung trifft dann schließlich auch der zu einem, bildhaft gesprochen, weisen alten Mann herangezeichnete Maulwurf, der mit seiner alles übertreffenden Weisheit und Strahlkraft die Missetaten aufdeckt, den Schurken stellt, den reuigen Alexander zum Geständnis bringt und im Alleingang alles mit der Lehrerschaft ins Reine bringt. Spätestens an dieser Stelle wird eine Schwäche dieser großartig erdachten und lebensnahen Geschichte deutlich: Die Charaktere sind lyrisch typisiert und überzeichnet, aber sie alle kennt man im echten Leben. Eine Ausnahme ist Maulwurf, einen solchen Charakter gibt es im echten Leben nicht. Er verkörpert das Bild des weisen, unkompromittierten Herrschers, der volle Macht hat, diese aber nur zum Wohle der Gemeinschaft einsetzt. Hier merkt man dem Buch, wie auch in der unvollständigen Charakterisierung Lottes, vielleicht seine Entstehungszeit an. In einer modernen Hollywoodversion hingegen müsste der reuige Alexander nach langen inneren Kämpfen und zähem Ringen in einem reinigenden Akt sein Gewissen erleichtern und alles wieder in Ordnung bringen.
Und was wäre die beste Version? Die heimliche Heldin Lotte, die jederzeit den Überblick des Lesers behält, ohne über sein Wissen zu verfügen, ist prädestiniert für die Auflösung des Falls. Maulwurf würde in dieser Version etwas realistischer die Rolle des blitzgescheiten aber in praktischen Lebensfragen unzureichenden Intellektuellen besetzen. Ob Anna Maria Jockl die Entwicklung Lottes irgendwann aufgab, weil sie nicht zum Frauenbild ihrer Zeit passte, weil sie sich zu sehr mit ihr identifizierte und sie deshalb nicht zu sehr in den Vordergrund drängen wollte oder ob sie an der gefühlten Machtlosigkeit der Lebenswirklichkeit der wichtigsten Person dieser Geschichte, der Autorin, die sich beim Verfassen des Romans selbst auf der Flucht befand, verzweifeln musste, bleibt unauflöslich. Was aber bleibt ist ein beeindruckend scharfsinniger und geradliniger Krimi, der auf mäßige Verschwurbelung und Verneblung ganz verzichtet und damit wirklich das ist, was sein Untertitel behauptet:
Ein Kinderroman für fast alle Leute.