Verschütteter Wein

Seine Augenlider formten eine tiefe Furche in der Mitte der Stirn und er hatte die Zähne so fest aufeinander gebissen, dass sein Kiefer schmerzte. Seine Worte waren kaum mehr als ein Fauchen aus seiner gereizten Kehle. Mit einer schwingenden Handbewegung setzte er voll Zorn zu einem neuen Satz an und fegte dabei über den Tisch. Ihr Weinglas schlug mit einem Klirren auf den Fliesen auf und der Rotwein tauchte den Boden in eine Blutlache. „Pass doch auf“, zischte Sie ihn an, „jetzt hast du es zerbrochen!“ Er blickte dem Glas hinterher und versuchte herauszufinden, was gerade passiert war. Die Ereignisse der letzten Stunden rasten in seinem Kopf und erzeugten ein Hintergrundrauschen, das ihn keinen klaren Gedanken mehr fassen ließ. Er ging auf den Boden und versuchte, die Scherben aufzulesen. Aussichtslos. Schnitte in den Händen, Blut mischt sich mit Rotwein. Jede Bewegung, jeder Versuch noch etwas zu retten, würde die Lage nur verschlimmern. Die Fliesen rot gefärbt, der Teppich in Blut und Wein getaucht. Er hastete über den Fußboden, aber er verrieb alles nur, er vergrößerte den Fleck und jeder Ansatz, die Scherben wegzuräumen, bescherten ihm neue Schnitte.

Das Glas war kostbar gewesen, ein geschliffener Kelch, der in tausende kleine Stücke zerfiel. Sie bohrten sich wie dutzende kleiner Nadeln langsam und kaum merklich unter seine Haut.  Der Saum seines Ärmels färbte sich bis zu den Manschettenknöpfen rot.  Von dem kostbaren Kristall, das Leidenschaft, Träume und unerfüllte Sehnsüchte hielt, blieb nichts mehr übrig. Es zerfiel wieder zu dem Sand, der es einmal gewesen war. Er wollte den Schmerz spüren, er musste den Schmerz fühlen. Er musste realisieren, was hier gerade passiert war, was mit ihm geschah.  Rotwein war ihm nicht nur Symbol der Verheißungen, es war auch immer der stumme Tröster, der Abflacher der Emotionen. Wie ein Schneefall über Nacht die ganze Welt mit einem weißen Tuch bedeckt, das alles homogen und sauber wirken lässt hatte der Rotwein die Eigenschaft, alles mit einem zarten Schleier zu bedecken. Eine sanfte Unschärfe, die alles ein wenig erträglicher machen konnte. Der das schöne etwas schöner machte und das schlechte etwas weniger nah und drastisch. Ein Stückchen Realität, ein paar klare Gedanken, waren der Preis, der zu zahlen war. Aber dennoch war es auch immer nur ein Trost auf Dauer. Das war das Gute daran – der Rückweg stand immer offen. Niemand würde für immer aus der Realität fliehen wollen. Ein kleiner Ausbruch von Zeit zu Zeit… und was gab es schon zu verlieren? Zuerst war kein Wein, dann kam er, wurde getrunken, war wieder vergangen. Es gab keinen Grund, ihm hinterher zu weinen.

Aber dieser Wein war verschüttet. Er hatte seine Verheißung nicht erfüllen können. Er blieb ein unerfülltes Versprechen, das sein Geschmack beim ersten Schluck gegeben hatte. Macht es einen Unterschied? Es ist der Unterschied zwischen Sein und Nicht-Sein. Kein Rausch ist wie der andere. Kein Schleier legt sich über den Geist wie ein anderer. Wie die Falten eines aufgeschüttelten Betttuches, dessen Falten keine zwei Mal hintereinander gleich fallen. Dieser Wein war vergangen. Eben noch dachte sie, sie würde ihn austrinken, seine Versprechen auskosten. Nun war er für immer verloren. Noch immer saß er auf Knien auf dem Fußboden vor ihr. Er blickte den Saum ihres engen, roten Abendkleides an. Eine Träne löste sich aus seinen Augen. Dann fühlte er sich stark und zuversichtlich. Eine weitere Träne würde es nicht geben. Er hatte verstanden, dass die Verheißung ein für alle Mal vorbei war.

Verschütteten Wein trinkt niemand mehr.