Gebrauchte Bücher

Ein Grund, für den man gebrauchte Bücher lieben kann sind die Geschichten, die sie manchmal erzählen. Diese können ganz trivial sein, etwa eine hin gekritzelte Telefonnummer auf dem Buchrücken oder auch ein Eselsohr als sorgfältig eingeknicktes Lesezeichen. Viel braucht es nicht, um die Phantasie anzuregen. Das interessante Große ist dann nämlich der Teil der Geschichte, den diese Zeichen menschlicher Handlung im Dunkeln lassen. Der unserer freien Interpretation all das überlässt, was nicht dort steht.

Buch mit Zeitungsausschnitt
(c) LebendeTexte

Jüngst kam mir ein Exemplar von Bernard Shaws „Katechismus des Umstürzlers“ in die Hände; gekauft wegen seines Titels, den ich zufällig irgendwo aufgeschnappt hatte. Eine Recherche im allwissenden Internet blieb ergebnislos. Keine Rezension bei amazon, kein Verweis auf Che Guevara, nur ein gebrauchtes Exemplar, zu bestellen beim „Altkrimi-Versand“.

Beim ersten Durchblättern fiel mir ein Zeitungsausschnitt entgegen. „Das Glück der letzten Jahre“ beschreibt den Briefwechsel zwischen dem Autor und seiner Freundin Molly Tomkins, einer geheimen Liebe. Nach dem Tod seiner Frau schreibt er ihr „Wir können jetzt ungezwungener schreiben, da Charlotte unsere Briefe nicht mehr lesen kann“. Wer hat diesen Artikel ausgeschnitten? Ich denke an eine Frau mittleren Alters, vielleicht in ihren Fünfzigern. Was war ihr Beweggrund? Ist es der Hinweis auf eine geheime Leidenschaft, die sie sorgfältig zwischen den Seiten des Buches verbirgt? Eine Erinnerung an etwas Schönes. Vielleicht an eine Wendung im Leben, die sie mit dem irischen Poeten teilt. Wie lange hielt sie sie versteckt, warf nur dann und wann einen verstohlenen Blick darauf, ein kurzer Augenblick des Glücks, Faustpfand für viele graue Tage die auszuhalten waren? Die vergilbte Rückseite verrät nur wenig über das Alter des Zeitungsausschnittes. Die Schrift wirkt altmodisch, auf keinen Fall ist die Ausgabe jünger als 1980. Die Auflage des „Katechismus“ verrät das Jahr 1964 – irgendwo dazwischen, das könnte hinkommen. Ansonsten wirkt das Buch geradezu ungelesen. Untypisch für einen möglichen Shaw-Verehrer. Wieso sollte das Büchlein eigentlich ausgerechnet einer Frau gehört haben? Womöglich bin ich meiner Einbildung aufgesessen. Beim Durchblättern stoße ich plötzlich auf eine selbstgebastelte Palme, die in den Umschlag geklebt wurde. Also doch! Vielleicht bin ich der wahren Geschichte doch näher auf der Spur als ich annehmen durfte. Mein Geist geht auf Reisen in ein anderes Leben, in fremde Träume und Sehnsüchte… Gute Nacht“ schließt Shaw in dem Ausschnitt den Brief an seine Liebste „ich kann jetzt so spät ins Bett gehen, wie ich will.“